Der Dokumentarfilm versteht sich als Kunstform – und unterscheidet sich damit grundlegend von der journalistischen Reportage. Diese Unterscheidung klingt simpel, ist aber entscheidend. Denn während eine Reportage Einzelfälle beleuchtet, kann ein künstlerischer Dokumentarfilm durch Abstraktion das Partikuläre ins Universelle heben und damit eine ganz andere Kraft entfalten.

In der heutigen Folge sprechen wir mit der Filmemacherin Alina Cyranek über die Entwicklung ihres Dokumentarfilms Fassaden, der mit dem Mittel der Abstraktion ein sensibles Thema einem breiten Publikum zugänglich macht. Wir diskutieren über den Mut zu radikalen stilistischen Entscheidungen, die Herausforderungen bei der Finanzierung unkonventioneller Stoffe und warum eine präzise Planung und Vorbereitung gerade bei kleinen Budgets das A und O für den Erfolg ist. Zudem gibt Alina Einblicke in die Zusammenarbeit mit Sandra Hüller und erklärt, wie man als Filmschaffende eine Balance zwischen künstlerischer Vision und gesellschaftlicher Verantwortung findet.

„Fassaden“ verwebt vier reale Geschichten von Frauen, die Gewalt durch ihre (Ex-)Partner erfahren haben. Die inhaltlichen Überschneidungen waren so frappierend, dass sich eine gemeinsame Dramaturgie entwickeln ließ, die für alle Protagonistinnen funktioniert. Der Film folgt dabei, wie die Regisseurin selbst sagt, fast einer mathematischen Struktur. Das Besondere dabei: Die Protagonistinnen bleiben unsichtbar. Keine Gesichter, keine Stimmen, keine Zuschreibungen und damit kein Abdriften in die Logik des Einzelfalls, wie sie oft im Umgang mit solchen Themen allzu bekannt ist. Was bleibt, ist das Strukturelle. Und das trifft.

Die Entwicklung des Films bis zur Fertigstellung dauerte sechs Jahre und hatte einige Hürden zu überwinden. Am Anfang stand eine umfangreiche Recherche: Alina Cyranek führte Interviews mit etwa 20 bis 30 Frauen, um daraus vier Geschichten auszuwählen. Diese Berichte wurden miteinander verwebt, ohne Ergänzungen oder Ausschmückungen, die über das Erzählte hinausgehen. Eingesprochen wurden sie von Sandra Hüller, die den Worten eine kraftvolle Präsenz verleiht. Visuell begleitet werden die Texte von inszenierten Tanzsequenzen, die einen assoziativen Raum öffnen und dabei weniger triggernd wirken als direkte Gewaltdarstellungen.
Gast
Alina Cyranek | Regisseurin – LINK
Alina Cyranek absolvierte einen Doppel-Master in Medienkunst an der Bauhaus-Universität Weimar und der Tongji University Shanghai mit dem Schwerpunkt Dokumentar- und Experimentalfilm. Ihre Arbeiten werden auf internationalen Filmfestivals und in Kunstausstellungen gezeigt und wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Vorstandsmitglied beim Filmverband Sachsen und gründete 2018 mit dem Animationskünstler Falk Schuster die hug films GbR in Halle (Saale). Neben dem Filmemachen kuratiert sie Filmreihen, leitet Workshops und arbeitet als Autorin und Regisseurin für das MDR Kurzfilmmagazin unicato und den arte KURZSCHLUSS.