Der Dokumentarfilm hat längst bewiesen, dass er weit mehr sein kann als journalistische Reportage – eine eigene Kunstform, geprägt von cinematischen Bildern und mitreißendem Storytelling. Und doch hat er selten dieselbe Reichweite wie fiktionale Formate. Diese wiederum müssen sich oft den Vorwurf mangelnder Authentizität gefallen lassen.
In der heutigen Folge sprechen wir über einen Film, der genau diese beiden Welten verbindet: Der neue Netflix-Film „23.000 Leben“ wurde von Produzent Christoph Zwickler entwickelt, nachdem ihn der Dokumentarfilm „Iuventa“ – der sich intensiv mit der Seenotrettung im Mittelmeer auseinandersetzt – nicht mehr losgelassen hat. Mit ihm und Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg sprechen wir über den intensiven Prozess der Fiktionalisierung: Für den Film führten sie zahlreiche Interviews mit echten Beteiligten, um trotz dramatischer Zuspitzung eine hohe Authentizität zu bewahren.

Ein Dokumentarfilm, der nicht aus dem Kopf geht
„Iuventa“ ist eine deutsch-italienische Produktion von Michele Cinque aus dem Jahr 2018, die eine Gruppe junger engagierter Menschen begleitet, die im Herbst 2015 in Berlin die Initiative JUGEND RETTET gründeten, um eine selbstorganisierte Seenotrettung im Mittelmeer zu ermöglichen. Er konfrontiert die Zuschauenden mit einer bitteren Realität, die in Europa oft nur in Form nüchterner Todeszahlen Erwähnung findet, ohne die Verantwortung sichtbar zu machen, die Politik und Gesellschaft eigentlich tragen.
Für Christoph war schnell klar: Diese bewegenden, teils tragischen Schicksale, die sich tagtäglich im Mittelmeer abspielen, müssen mehr Menschen erreichen. Aus Zahlen und Statistiken müssen Gesichter werden, deren Träume, Wünsche und Hoffnung wir erfahren. Erst dann entsteht Empathie. Und dafür braucht es ein größeres Publikum, als es der Dokumentarfilm meist erreicht. Fiktion schafft es, Aufmerksamkeit zu bekommen, die nötig ist, damit eine Geschichte gesehen wird.

Authentizität in der Fiktion
Oliver Ziegenbalg hatte vor dem Projekt keinerlei Berührungspunkte mit der Seenotrettung. Um das Drehbuch zu schreiben, ging er gemeinsam mit Dokumentarfilmer Michele Cinque einen intensiven Rechercheweg und führte über 20 ausführliche Interviews. Oliver verbrachte Monate mit der Recherche und sichtete zusätzlich 50 Stunden unveröffentlichtes Rohmaterial von Michele, um ein Gespür für die reale Atmosphäre und Sprache der Beteiligten zu entwickeln.
Im Spielfilm mussten die Realitäten zahlreicher Akteure aus dem Dokumentarfilm auf wenige Hauptfiguren dramaturgisch verdichtet werden. So wurden Figuren geschrieben, die es so in der Realität zwar nicht gibt, die aber durchweg Eigenschaften, Aussagen und Erfahrungen aus der Realität verschiedener Menschen abbilden und zusammenbringen. So entstand etwa die Figur Mauro, die es in der Realität nicht gab: In ihr fließen die Erfahrungen mehrerer echter Retter zusammen.
Wer darf welche Geschichte erzählen?
Es überrascht kaum, dass ein derart politischer Film in unserer aufgeheizten Gegenwart Gegenwind aus verschiedenen Richtungen bekommt: Auf der einen Seite heftige, teils hasserfüllte Kritik aus rechtsextremen und stark konservativen Kreisen. Auf der anderen Seite der Vorwurf, hier werde erneut eine Hollywood-typische „White Savior“-Geschichte erzählt.
Christoph und Oliver sind sich dieser Dynamik von Anfang an bewusst und können die Kritik an der gewählten Perspektive durchaus nachvollziehen. Zugleich sollten Perspektiven von Minderheiten viel stärker aus der jeweiligen Community selbst kommen, statt von außen angeeignet zu werden. Dem steht jedoch die ernüchternde Realität der Filmbranche entgegen: In Deutschland ist es nach wie vor extrem schwer, Filmprojekte zu realisieren, die konsequent die Perspektive von Minderheiten einnehmen. Häufig sind es genau jene Akteure und Gremien, die das Fehlen diverser Perspektiven öffentlich bemängeln, die am Ende kein Geld für solche Stoffe freigeben, weil sie das Thema als „zu politisch“ einstufen oder ihm ein breites Publikum absprechen.
Letzten Endes ist „23.000 Leben“ eine reale Perspektive, die erzählenswert ist und Sichtbarkeit für dieses wichtige Thema schafft. Organisation wie Sea-Watch bekommen eine stärkere Sichtbarkeit und somit mehr Unterstützung. Die Geschichte aus Sicht der Geflüchteten selbst zu erzählen, bleibt eine ebenso notwendige wie überfällige Aufgabe – für die es jedoch andere Stimmen, andere Produktionsbedingungen und letztlich auch andere Filme braucht.
Gäste
Christopher Zwickler | Produzent – LINK
Christopher Zwickler ist deutscher Produzent und unter anderem bekannt für The Magic Flute – Das Vermächtnis der Zauberflöte (2022), Untitled Édouard Louis/DCM Project und 23 000 Leben (2026).
Oliver Ziegenbalg | Drehbuchautor – LINK
Oliver Ziegenbalg wurde 1971 in Böblingen geboren. 1997 schloss er sein Studium der Wirtschaftsmathematik an der Universität Karlsruhe ab. Parallel studierte er zwischen 1995 und 1998 auch Medienkunst und Film an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Er zog nach Berlin und lebt dort bis heute als Drehbuchautor und Produzent (u.a. 25 Km/h, Roads, Frau Müller muss weg, Friendship, 13 Semester…). Oliver Ziegenbalg ist Mitgesellschafter der beiden Produktionsfirmen Sunny Side Up Films und Missing Link Films.