Film lässt sich kaum objektiv bewerten. Jenseits solider Handwerkskunst entscheidet der Geschmack des Publikums, und der könnte unterschiedlicher kaum sein. Natürlich gibt es Sehgewohnheiten, die immer wieder bedient werden, und Erfolgsrezepte, die sich wiederholen lassen.
Dennoch werden viele Filme gerade deshalb erfolgreich, weil sie mit bekannten Mustern brechen. So entstehen neue Genres und ganze Filmbewegungen, die die Filmgeschichte prägen. Doch anders als Malerei oder Musik hat der Film enorme Produktionskosten. Deshalb muss sich eine Vision häufig an den Erwartungen von Sendern und Fördergebern messen lassen. Für Genreliebhaber und experimentierfreudige Filmschaffende, die sich in ganz speziellen Nischen bewegen, ist das eine echte Zerreißprobe.

Eine konventionsfreie Vision
In der heutigen Folge geht es um den Indiefilm, der vorrangig der Vision seiner Filmschaffenden folgt und frei von Konventionen ist. Unsere Gäste Andreas Kröneck und Antonio Fernandes Lopes sind überzeugt, dass Filmschaffende die Angst ablegen sollten, die falschen Erwartungen zu erfüllen und einfach loslassen sollten. Wie das gelingen kann, zeigen sie eindrucksvoll an ihren bisherigen Projekten, die mit kleinen Budgets viel auf die Beine gestellt haben.
Raub ihren Atem – Genre-Mix aus Erotik-Thriller und Krimi
Im Jahr 2024 haben sie den Film „Raub ihren Atem“ (2024) ins Kino gebracht. Dabei handelt es sich um ein Genre-Mix aus Erotik-Thriller und Krimi, der sich bewusst nicht in eine Schublade pressen lässt. Im Zentrum stehen eine sächsische Meisterdiebin und eine schwäbische Polizistin, die als Gegenspielerinnen aufeinandertreffen. Dass beide ihre Dialekte sprechen, ist Programm: Anders als im deutschen Film üblich, wo Dialekte meist als komischer Effekt herhalten müssen, werden sie hier selbstverständlich und ernsthaft eingesetzt, so wie man es aus dem englischsprachigen Kino kennt. Regie führte Kröneck, der auch das Drehbuch schrieb, während Antonio Fernandes Lopes als Produzent, Komponist und Sounddesigner den Film maßgeblich prägte.

Kreative Produktionswege und Selbstverleih
Im konkreten Beispiel von Andreas und Antonio wurde der Film durch ein Zusammenspiel an Maßnahmen ermöglicht wie Sponsoring-Deals für Drehorte und Dreharbeiten mit einem kleinen Team von nur sechs bis sieben Personen. Dabei wurden die Schlüsselpositionen wie Kamera und Schnitt mit festen Mitarbeitern ihrer gemeinsamen Firma Ponywood besetzt, womit teuren Tagesgagen umgangen wurden. Alle Dialoge wurden anschließend in Antonios eigenem Tonstudio nachsynchronisiert, was den Dreh beschleunigte und für beste Sprachverständlichkeit sorgte. Auch den Vertrieb haben sie selbst übernommen, indem sie einen Stand auf dem European Film Market angemietet haben und so auch viel von der Arbeitsweise von Verleihnen gelernt haben. Schließlich haben sie den Film unter anderem in die USA, Lateinamerika und in der Mongolei lizenziert, wo er auch sehr positiv aufgenommen wurde.
Doch Leidenschaft allein füllt keine Kinosäle. Eine romantische Komödie oder ein Thriller ohne bekannte Gesichter hat auf Plattformen wie Netflix kaum eine Chance. Aussichtsreicher ist es, mit überschaubarem Budget gezielt Kult- und Genre-Nischen zu bedienen, etwa Horror oder Slasher, deren Online-Communitys weltweit auf Nachschub warten. Am Ende zeigt „Raub ihren Atem“, dass ein lokaler Film mit Mut und Nischenfokus ein weltweites Publikum finden kann.
Gäste
Andreas Kröneck | Regisseur – LINK
Antonio Fernandes Lopes | Komponist und Produzent – LINK
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