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Diversität in Film und Medien

August 10, 2020

Diversität in Film und Medien 

Wie viele komplexe Protagonist*innen,
die keine weißen, heterosexuellen, able-bodied,
cis-Männer sind, fallen euch spontan ein? 

© Rachel Idzerda for Variety LINK: https://bit.ly/3gIzxTW© Rachel Idzerda for Variety

Die westliche Filmproduktion und ihr Kanon großer Meister ist seit jeher auf weiße, männliche als vermögende konzipierte Helden fokussiert. People of Color, disabled persons, Frauen, ältere Personen machen noch immer einen weit geringeren Teil der repräsentierten Filmfiguren aus. Ein Inklusions- und Diversitätsbericht der University of Southern California enthüllte 2018 anhand von 1100 Filmen deutliche Defizite, drastische Zahlen stellte auch die Writers Guild of America fest. In Deutschland zeigte z.B. – v.a. die Frage der Geschlechtergerechtigkeit betreffend die Malisa Stiftung große Lücken auf (mehr dazu bei der Filmlöwin). Eine umfassendere Umfrage zu Vielfalt und Diskriminierung vor und hinter der Kamera im deutschsprachigen Raum – „Vielfalt im Film” – ist zur Zeit im Gange. 

Vormachtstellung vs. Diversität 

Medienangebote vernachlässigen vielfach diversere Perspektiven und erklären so die dominierende Erzählweise als natürlich und gesellschaftlich repräsentativ. Davon abweichende Narrative und Figuren werden an den Rand gedrängt, marginalisiert. Doch abgesehen davon, dass die gegenwärtige mediale Repräsentation nicht der real existierenden Diversität entspricht, sollte gerade das Medium Film seinem Publikum auch mögliche Welten näher bringen, einen Bildungsauftrag erfüllen – wie auch Sheri Hagen in unserer Episode zur Diversität erklärt.

Zwar gibt es ansatzweise Regelungen, die eine Veränderung der gegenwärtigen Zustände anstoßen sollen, doch stehen wir hier noch weit am Anfang. Bisher sind US-amerikanische Studios und Streaminganbieter sowie der BFI federführend. Aktionen wie #oscarssowhite oder #whitewashedOUT kritisierten etwa die weiße Vormachtstellung der Academy – kein exklusiv US-amerikanisches Phänomen, im Gegenteil, denn die deutschsprachige Filmindustrie ist genauso wie andere Bereiche der Gesellschaft durchzogen von strukturellen Rassismen und anderen, sich teilweise überschneidenden Diskriminierungsformen, die Teil des Systems sind (Stichwort Intersektionalität).
 

Whose gaze is it? 

Mit der Frage danach, wer eine Stimme und ein Gesicht erhält, ist untrennbar die des Identifikationsangebots verbunden. Dass das Fehlen von ermächtigenden role models nicht zuletzt negativen Einfluss auf die Ausbildung des Selbtswertgefühls marginalisierter Menschen nehmen kann, ist fatal (Studie von Yang 2017).

Ausgehend von der Kritik feministischer Filmtheoretikerinnen am patriarchalen male gaze in den 1970er Jahren, bekam bald darauf auch die Thematisierung weiterer, mehrfacher Diskriminierungsformen Aufmerksamkeit. So beschrieb bell hooks 1984 mit dem oppositional gaze die Position Schwarzer Zuseherinnen in einer weißen, patriarchalen Mehrheitsgesellschaft. Anne Kaplan kritisierte mit dem imperial gaze die Blickgewohnheiten des Hollywood-Kinos, das durch seinen werte-geladenen Blick den/die Betrachteten ethnischer Minderheiten degradiert.

Die Trope des „male negro“ lässt sich als ein Effekt solcher Verfahrensweisen entlarven. Die in den letzten Jahren häufig verwendeten Begriffe female gaze, sowie der noch weniger bekannte queer gaze beschreiben Erzählweisen, die sich explizit gegen den heteronormativen male gaze richten. Das Potenzial einer Vielfalt an Perspektiven ist zweifelsohne da, die Frage ist aber: Welche Geschichtenerzähler*innen werden  letzten Endes gefördert – mit unseren Steuergeldern? Hier zeigt sich der deutschsprachige Raum noch viel zu einseitig.

© Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

„Diversität ist keine Checkliste“

Studien und Forschungen, die Fakten und Zahlen über die Repräsentationslage liefern, können dazu verhelfen, Richtlinien und Kriterien in Institutionen, Fördergebern und Gremien einzufordern. Nur Quoten allein lösen das Problem  aber nicht, denn „Diversität sollte keine Checkliste sein“, kritisiert Jerry Kwarteng solche Strategien (nachzuhören in Teil zwei unserer Episode). Es kommt nicht nur darauf an, wie viele diverse Charaktere in einem Film durchs Bild laufen, sondern welche und wie viele davon auch Figurenentwicklungen durchmachen und wesentlich für die Erzählung sind – und zwar abseits von Narrativen, die Migration explizit thematisieren und so wieder Othering-Dynamiken festigen.

Doch der Besetzungspolitik wohnt in dieser Hinsicht meist noch ein Tunnelblick inne.  Jede*r Filmschaffende*r sollte sich überlegen, ob er oder sie bei der Auswahl des Casts eine limitierende Brille (unconscious bias) trägt, die Merkmale, wie eine nicht-weiße Hautfarbe von vornherein ausschließt (Stichwort Typecasting). Auch als Publikum sollten wir unsere eigene Wahrnehmung schulen, unsere Bias reflektieren und Filme unterstützen – sei es nur durch deren Rezeption – die sich von Diskriminierungsformen befreien. Denn: All Stories matter.

 

Indiefilmtalk – Epsioden zum Thema: 

 

Weiterführende Links:

 

 

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