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Filmwissenschaft und -theorie: ein kleiner Guide (2)

6. April 2020

Filmwissenschaft und -theorie verstehen:
Ein kleiner Guide
(2)

Im Zuge gesellschafts-politischer VerÀnderungen erweiterte auch die Filmtheorie ihre AnsÀtze um verschiedene Disziplinen. So wurde etwa im Zuge der Frauenbewegung der 1960er die feministische Filmwissenschaft etabliert, die heute um Aspekte der gender, queer und postcolonial studies ergÀnzt wurde. In ihren AnfÀngen war die feministische Filmtheorie noch eng mit ihrer aktivistischen Praxis verbunden. Fragen nach einem politischen, alternativen Filmschaffen wurden theoretisch erlÀutert und unterschiedlich umgesetzt. Filme wurden v.a. mithilfe der Psychoanalyse dekonstruiert und auf ReprÀsentationen weiblicher Figuren hin untersucht. Ein Anliegen der feministischen Filmwissenschaft ist es auch, weibliche Filmschaffende, die bis dahin  nicht oder kaum beachtet wurden, sichtbarer zu machen.

© sixpackfilm

Bis die Filmwissenschaft institutionalisiert wurde, dauert es noch bis in die 1970er. Davor wurde sie universitĂ€r in andere FĂ€cher eingebunden bzw. bildeten sich Theorien oft im Umkreis von Zeitschriften wie Screen, Cahiers du Cinema oder Frauen und Film heraus. Diese boten somit auch außerhalb eines wissenschaftlichen Rahmens eine Plattform fĂŒr verschiedene kunsttheoretische AnsĂ€tze.

Die Filmanalyse

Die Basis fĂŒr jegliche Filmtheorie, seien es Auseinandersetzungen mit einem Genre oder mit speziellen Animationstechniken, bilden natĂŒrlich die Filme selbst, weshalb die Analyse ein wesentliches Instrument darstellt. Hierzu gibt es verschiedene Vorgangsweisen. Weit verbreitet ist der erstmals 1979 publizierte neoformalistische Ansatz von David Bordwell und Kristin Thompson, der an den russischen Formalismus anknĂŒpft. Demzufolge vervollstĂ€ndigt sich ein Film erst wĂ€hrend der Rezeption im Kopf des Zuschauers. Es wird also zwischen den Informationen, die ein Film explizit kommuniziert (plot) und denen, die das Publikum zusĂ€tzlich selbst ergĂ€nzen muss (story), unterschieden.

FĂŒr eine neoformalistische Analyse wird ein Film auf verschiedene formal-Ă€sthetische (mise-en-scene) und technische Kriterien (Kamera, Schnitt, Ton) hin untersucht. Ein Experimentalfilm etwa gibt der story mit Sicherheit mehr Raum als etwa ein Politdrama, in dem es viel mehr um den nachvollziehbaren Verlauf der Handlung geht statt um ein formal-technisches Ausprobieren.

Der Einfluss des Kinos

Über die einzelne, formale Analyse hinaus setzt sich die Apparatus-Theorie mit den Bedingungen des Mediums an sich, seinem gesellschaftlichen Kontext und dem potenziellen Einfluss auf das Publikum auseinander. Durch den Illusionseffekt des Kinos (Apparatus) seien die Zusehenden von den Bildern, die stets auch (un-)bewusste ideologische Vorstellungen beinhalten, beeinflussbar (das wird beim Propagandafilm besonders deutlich).

Im deutschsprachigen Raum knĂŒpfte die Filmtheorie besonders an die ideologiekritische und gesellschaftsanalytische Frankfurter Schule (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer) an, die sich v.a. mit den Funktionen von Massenmedien auseinandersetzt. Mit den technischen Entwicklungen – Ton, Farbe, Fernsehen, Home Entertainment, Streaming etc. – und der steigenden Medienerfahrung des Publikums Ă€nderten sich natĂŒrlich auch die Voraussetzungen und der Komplex an Theorien.

© Arthaus

Neue Medienerfahrungen

Im 21. Jahrhundert erweitern sich Filmtheorien zudem laufend um die verĂ€nderten gesellschaftlichen Lebensformen, sowie Möglichkeiten der Rezeption. Deshalb werden besonders AnsĂ€tze bedeutend, die die Position des Publikums miteinbeziehen (kognitivistische Filmtheorien), mehrere Disziplinen umfassen und intersektional vorgehen (intersektionale AnsĂ€tze beziehen  verschiedene Formen der UnterdrĂŒckung in ihre Auseinandersetzungen mit ein). Theorien werden heute meist ĂŒber den universitĂ€ren, wissenschaftlichen Rahmen publiziert und greifen nicht selten auch auf AnsĂ€tze zurĂŒck, deren UrsprĂŒnge bereits weit in den AnfĂ€ngen liegen.

Habt ihr noch AnsĂ€tze oder Ideen zu unseren kleinen Guide ĂŒber die Filmtheorie und Filmwissenschaft? Dann schreibt diese gerne in den Kommentarbereich.

Weitere BeitrÀge und Folgen die sich mit der theoretischen Auseinandersetzung mit Film beschÀftigen sind folgende:

Literaturempfehlungen Filmtheorie

Theodor W. Adorno & Max Horkheimer: Dialektik der AufklÀrung
Jens Bonnemann: Filmtheorie: Eine EinfĂŒhrung
David Bordwell & Kristin Thompson: Film Art. An Introduction
Thomas Elsaesser & Malte Hagener: Filmtheorie zur EinfĂŒhrung
James Monaco: Film verstehen: Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films
und der Neuen Medien
Sue Thornham (Hg.): Feminist Film Theory: A Reader

Titelfoto von Luis Quintero von Pexels

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